Zwei Jahre AfD

Eine anatomische Momentaufnahme mit psychopolitischen und medientheoretischen Ingredienzen

von Frank Hansel, Schatzmeister der Berliner Alternative für Deutschland

Zwei Jahre nach ihrer Gründung entpuppt sich die Alternative für Deutschland als eine politische Entität, die sowohl im Außen der Partei als auch in ihrem Inneren heftigste Erregungszustände mit fast hysterischen Zügen hervorbringt. Diesem Phänomen ist mit der normalen Draufsicht auf die Partei aus der tagesaktuellen Perspektive des Journalisten nicht beizukommen. Vielmehr sind kultur- und medientheoretische Fundstücke heranzuziehen, um die psychopolitische Dimension dieses Experiments annähernd würdigen zu können. Die intellektuelle Anleihe wird hierbei ungefragt beim deutschen Meisterdenker Peter Sloterdijk entnommen, der sich in den letzten 15 Jahren wie kein anderer im Rahmen einer „Theorie der Stolz-Ensembles“ („Zorn und Zeit“, 2006) zeitdiagnostisch in die „Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft“ (2000) und „Stress und Freiheit“ (2011) ab- und eingearbeitet sowie auch hier relevante „Fußnoten über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft“ (2013) verfasst hat, ganz abgesehen von Beobachtungen zu den „schrecklichen Kindern der Neuzeit“ (2014), als die wir heute allesamt irgendwie an uns leiden.

Die Rede von „stressintegrierten Kraftfeldern“, die Peter Sloterdijk in seiner Berliner Rede zur Freiheit 2011 bemüht, um politische Großkörper alias Gesellschaften zu beschreiben, lässt sich uno actu auch auf Parteien übertragen, ja sie verdeutlicht dort in noch höheren Maße, dass insbesondere Parteien „selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme sind, die Bestand haben nur in dem Maße, wie es ihnen gelingt, durch den Wandel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren speziellen Unruhe-Tonus zu halten, also gemeinsam Unruhe zu bewahren.“  Wer das Innenleben im status nascendi der AfD kennt, weiß, wovon hier die Rede ist, denn für sie gilt gleichermaßen: In ihr „muss ein stetiger, mehr oder weniger intensiver Streßthemenfluß für die Synchronisierung der Bewußtseine sorgen“, um die Mitgliedschaft alias Basis in einer sich von Tag zu Tag regenerierenden  Sorgen- und Erregungsgemeinschaft zu integrieren. Die AfD bestätigt demnach unmittelbar den auf sie als Partei angewandten ersten Hauptsatz der politischen Wissenschaft als Kunst der psychopolitischen Steuerung von Gemeinwesen: „Politische Gruppen sind Ensembles, die endogen unter thymotischer Spannung stehen“.

Die klassische Parteienbindung löst sich auf

„Die Funktion der Medien in der stressintegrierten Multi-Milieugesellschaft [alias Partei AfD] besteht darin, die Kollektive [alias die Parteibasis] als solche zu evozieren und zu provozieren, indem sie ihnen täglich und stündlich neue Erregungsvorschläge unterbreiten – Empörungsvorschläge, Beneidungsvorschläge, eine Vielzahl von Angeboten, die sich an die Sentimentalität, die Angstbereitschaft und die Indiskretion der Gesellschafter wenden. Aus diesen treffen die Rezipienten [alias Mitglieder] täglich ihre Auswahl. … Indem sie unter den angebotenen Möglichkeiten wählen, reproduzieren die in Dauernervosität schwingenden Großgruppen den Äter der Gemeinsamkeit, ohne welchen sozialer Zusammenhalt – oder auch nur ein Schein davon – … nicht entstehen kann“.

Die klassische Parteienbindung sowohl der Wähler als auch der Mitglieder selbst löst sich auf, hinsichtlich sowohl des Wahlverhaltens, als auch und insbesondere hinsichtlich des Modus operandi der Zugehörigkeit an sich. Die Partei repräsentiert auf diese Weise, was für die (auch post-)moderne Gesellschaft an sich gilt: Sie ist ein sozialer Großkörper, der nicht (mehr) versammlungsfähig ist. In Zeiten des Internets und der internetfähigen Telefone drücken sich Zugehörigkeit und Affinität nicht mehr durch körperliches Zusammenhocken in Hinterzimmern aus, die nur noch von etwa bloß 15% Aktiven besucht werden, aus denen sich die noch kleineren Funktionärstruppen rekrutieren, sondern in den offenen und geschlossenen Online-Media-Foren oder Facebook-Gruppen: Kommunikation vollzieht sich nicht mehr als Vereinsmeierei alten Stils, sondern ad-hoc im Hier und Jetzt des Ubiquitären, grenzen-, aber auch hemmungslos! Wenn man 21 Tausend Menschen „ständig mit Erregungen versorgen muss, damit so etwas wie soziale Kohärenz entsteht, ist das keine Kleinigkeit.“

Der Parteisoldat gehört der Vergangenheit an

Die Stärke der AfD kann nicht über das faktische Volumen ihrer Mitgliedschaft definiert werden. Allein der Blick auf die Zahlen der Follower und der Interaktionen auf Facebook zeigt die hier einschlägige Asymmetrie. Vielmehr kommt der qualitative Aspekt des Typus des Einzelmitglieds dazu, das – im Falle der AfD – oftmals das allererste Mal die politische Bühne betritt. Das heißt, da entscheidet sich ein „Einziger“ (im Sinne Max Stirners) ganz bewusst und aus freiem Willen, diesem Verein, in dem er Gleichgesinnte zu treffen meint, einzutreten und bringt sich mit voller Überzeugung, Inbrunst und Tatendrang ein. Das ist nicht (mehr) der gebundene Parteisoldat, der einst aus familiärer Tradition oder aus Zuwiderhandeln gegen diese in eine Partei eintrat und halt so mit dabei ist, eher träge, nur noch am Wahltag gespannt vor dem Fernseher, wenn das Ergebnis verkündet wird. Nein, hier betritt der (vor allen Dingen selbst-)bewußt sich zur Entscheidung Durchgerungen-Habende als Subjekt das Polit-Parkett mit hohem Anspruch: Da bin ich nun und will gehört werden!

Auf der einen Seite ist dies ein riesiges, die Altparteien erschreckendes Kapital der AfD, weil die entschiedenen AfD-Mitglieder deutlich aktiver sind und als Multiplikatoren ihrer Selbst Flyer verteilen, Stände besetzen und selbst Plakate kleben, dies drei bis vier Mal hintereinander aufgrund der zu führenden Wahlkampagnen in nur zwei Jahren.  Auf der anderen Seite wächst dadurch (über-)proportional ein Maximalanspruch an Mitredenwollen, an Mitsprache und Mitentscheiden, der im soziologischen System Partei als solcher an sich nicht einlösbar ist und, insbesondere vor dem Petitum basisdemokratischer Wissensbildung, zur Enttäuschung führen muss.

Frank Hansel

Der Autor Frank Hansel auf dem Landesparteitag der AfD Berlin

Von hier ist es kein weiter Weg zum Skándalon der internen E-Kommunikation, nämlich derjenigen des Querulanten, des Zukurzgekommenen, des Strafenden im Shitstorm, der zwar nicht in der Verantwortung steht, aber (vielleicht gerade deshalb) alles besser weiß. Diese Intra-Kommunikation verursacht kollektiven Meinungs- und Erregungsdruck und den Zwang zur unmittelbaren Stellungnahme. Der, der frech ist, schneller meckert, gewinnt in diesem Treibhausklima. Permanente Rechtfertigungs- und Abwehrkämpfe sind die Folge. Wer sich wehren muss, hat das Nachsehen und das sind meist die Funktionäre auf Kreis-, Landes und Bundesebene, die jeweils von unten nach oben schießen bzw. von oben nach unten abwehren, die das Parteikollektiv jederzeit in Bewegung halten müssen. (Es geht hier ums strukturell Prinzipielle, was natürlich gerade nicht bedeutet, dass  jede Einzel-Kommunikation in der Vertikalen querulantischen Charakter in sich bergen müsse!).

Der Befund des zweiten und dritten Hauptsatzes Sloterdijkscher Provenienz: „Politische Aktionen werden durch Spannungsgefälle zwischen Ambitionszentren in Gang gebracht“ und „Politische Felder werden durch den spontanen Pluralismus selbstaffirmativer Kräfte geformt, deren Verhältnisse zueinandner sich kraft interhypnotischer Reibungen verändern“ (2006, S. 37) ist unter den verschärften Bedingungen einer souveränen Mitgliedschaft in der Selbstreflektion der Partei noch nicht ausreichend angekommen bzw. verstanden worden, auch wenn insbesondere, aber nicht nur die hessischen Zustände augenfällige Zeugenschaft dafür abgegeben haben.

Erregungswellen verstärken sich gegenseitig

Mit Blick auf die äußere Kommunikation wissen wir seit Sloterdijks „Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen“,  „dass Massenmedien, eben weil sie sind, was sie sein müssen, primär nicht informieren, sondern zeichenbasierte Epidemien erzeugen, dass es auf massenmedialer Ebene nie um Argumente geht, vielmehr um die Einspritzung mentaler Infektionen, vor allem aber…, dass es auf den Meinungsmärkten keine Missverständnisse gibt…Auf den Themenbörsen haben nur jene Verzerrungen einen Marktwert, die dem Verzerrer Profit eintragen  (Verzerrer als technischer Ausdruck wie Schalldämpfer oder Lautstärkeregler zu verstehen).“

Hier wirken in skandalträchtiger Weise zwei Modi von Erregungswellen aufeinander, die sich wechselseitig verstärken und damit jeweils neue Inhalte erzeugen. Der Medien-induzierte Infekt von außen und die vertikale und horizontale Erregungskommunikation von oben und unten, von vorne und von hinten im Innern: Sie führen – über selbstverstärkende Faktoren – zu einer an sich nicht intendierten vermeintlichen Ausdifferenzierung von Positionen: Flügelbildung, die zunächst nicht Resultat einer veritablen politischen Auseinandersetzung ist, sondern eines medial verstärkten responsiven Missverständnisses. Das Paradebeispiel: Das Bonmot des in einem einstündigen Interview in einer Sekunde daher gesagten „Kontrollfreak“ harrt binnen Minuten einer Antwort in gereizter Stimmung, da die getätigte  Aussage nun zur eigenwertigen Nachricht wird und auf die als in die Welt gesetzte Nachricht als nachrichtliches Faktum reagiert werden muss. So schaukelt sich das wechselseitig hoch und am Ende sehen sich Menschen als Akteure gegenüber, die sich so zunächst nicht kannten oder kennen wollten und sich, über affektgelenkte Regungen unterschiedlicher Anhängerschaft ungewollt weiter entfremden, was wiederum von anderen Prätendenten für taktische Zwecke missbraucht wird.

Bernd Lucke im EU-Wahlkampf 2014 in Berlin

Bernd Lucke im EU-Wahlkampf 2014 in Berlin

Um diesen Befund noch solider zu fundieren, ist im Hinblick auf die Innenansicht der Partei zur Euphorie im Anfang der AfD und ihren Grundkonsensus im Frühjahr 2013 zurückzukehren und zur Person, die im Wesentlichen Beides symbolisiert hat: Die Gründungsfigur Bernd Lucke. Auch wenn er es nicht alleine war und die Partei noch über kein umfassendes Parteiprogramm verfügte, gab es den gegen die Politik der „Altparteien“ gerichteten Kanon, ja allein der Begriff der Altparteien war und ist Kampfbegriff noch heute.  Mit den Themen Eurorettungswahn, gesteuerte Zuwanderung, Bildungs- und Familienpolitik sind die Felder besetzt, in denen die Bestandsparteien zu scheitern drohen und ein lautes „So-Nicht weiter!“ nicht nur gesellschaftsfähig, sondern geschichtsmächtig geworden ist. Im medial auserkorenen Bernd Lucke bündelten sich Projektionen all derer, die das So-Nicht-weiter! als Überzeugungstäter zur eigenen Sache machen und zum Erfolg bringen wollten. Alle weiteren Positionen konnten in die Alternative für Deutschland als Partei der Latenz hinein, und ihr herbeigesehnter unaufhaltsamer Aufstieg in die konkret anfassbare Gründungsfigur Lucke, an sich, darin Merkel nicht unähnlich, eigentlich ein Anti-Charismatiker, projiziert werden: „Die Subjektwerdung durch den überhöhten Anderen stellt sich in dieser Sicht als ein Zwischenschritt zur eigentlichen Selbstergreifung dar…Mit dem medialen Modus von Heldenverehrung treten wir in das Affektregime des entfalteten Massennarzissmus ein. Die Prominenz auf massentypische und mediengemäße Weise verehren – das bedeutet die Wahrnehmung radikal der Projektion unterordnen und ohne Rücksicht auf die Eigenschaften des bewunderten Gegenstands das subjektive Verlangen nach Idealisierung, Verklärung, Überschätzung ausleben“, diagnostiziert Sloterdijk massen-phänomenologisch. Hätte die Republik nur aus AfDlern bestanden, wären die deutschen Straßen abends bei Talkshows, zu denen Bernd Lucke im Wahljahr 2013 geladen war, komplett leergefegt gewesen, da alle, kurzfristig informiert durch Facebook, an der Tele-Kommunion des medialen Hochamts teilgenommen hätten.

Diese Projektion, die, mit einigen Kratzern bis zum Bremer Parteitag im Frühjahr 2015 trug, ist nach menschlichem Ermessen in der Vehemenz des permanenten Rechtfertigungsdrucks in erhöhter Gereiztheit kaum auf Dauer aufrechtzuerhalten bzw. bedienbar. Zu massiv ist der allgegenwärtige Sturm der Aufgeregtheiten in allen Gliederungsebenen derer, die sich aufgrund ihres persönlichen Eigeninvestments  auch nicht zu Unrecht als aktivlegitimiert begreifen, jedes und alles kommentieren zu können glauben und, auch dies nur verständlich, Anerkennung für Ihr Engagement erwarten. Doch ist dies einlösbar?

Leidenschaften der Selbstachtung

„Im Begriff der Masse(nbasis) sind Merkmale mitgesetzt, die per se zu einer Vorenthaltung der Anerkennung geneigt machen (…) zum einen deswegen, weil Anerkennung – wie Aufmerksamkeit – eine Ressource ist, deren Wert mit ihrer Knappheit korreliert; zum anderen weil die Prätendenten auf Anerkennung, indem sie sich unaufhörlich vermehren, sich notwendigerweise gegenseitig überfordern; (…) Die akademisch orientierte Philosophie ist dem Thema ausgewichen, und die [Partei-]Öffentlichkeit ist fortwährend zu sehr von Kämpfen um Anerkennung sowie von Strömungen der Verachtung zerklüftet, um sich eine freie Sicht auf das Kampfgelände verschaffen zu können.  (…) Man versteht von dem Konzept Partei, mit dem sich die politischen Kollektivakteure spätestens seit dem 19. Jahrhundert selbst bezeichnen, nicht genug, wenn man sie nur als Parteien von Interessen auffasst. Die authentischen politischen Gruppen, [und mit der AfD haben wir es explizit und in erhöhtem Maße mit einer solchen zu tun] sind immer zugleich Kraftfelder, in denen sich Leidenschaften der Selbstachtung formieren. Sie wollen von nun an die Geschichtsbücher füllen und als öffentliche Größen gewürdigt werden, denen der Aufschwung von der gekränkten Trägheit in die ausdrucksnächtige Subjektivität gelungen ist“. Hiernach kann nicht weiter verwundern, mit welcher Vehemenz und Niedertracht in alle Richtungen hin mit Verbalinjurien bis ins Persönliche herum geschmissen wird, was medial im Draußen – fälschlicherweise, da auch der Funktionsmodus „Partei“ im Sinne, dass „Rhetorik als Kunstlehre der Affektlenkung in politischen Ensembles angewandte Thymothik“ ist, unverstanden bleibt –  so verkauft wird, die AfD würde sich gerade selbst zerlegen, eine Botschaft, die ihrerseits wieder dazu taugte, das das Spektakel AfD von außen beobachtende Kollektiv in Erregung zu versetzen.

Mangels tätiger Praxis in Straßenwahlkampfloser Zeit schwelt die Ungeduld, dass es nicht weitergeht, verbreitet sich Unsicherheit als Unzufriedenheit bei den Aktiven, wenn die Projektion auf die akzeptierte Lichtgestalt zu bröckeln beginnt und neue Figuren ausgemacht werden müssen, um die Lücke zu kompensieren, die sich notwendigerweise im weiteren Prozess im permanenten Bewegungsmodus auftut. In diesem Kontext erhellt die Rede der „integralen Einschwörung“ im Sinne eines Prinzips der totalen Mitgliedschaft die aktuelle Lage, die Sloterdijk in seiner kleinen religionssozilogischen Studie „Im Schatten des Sinai“ bemüht. Die Übertragung des Gedankens wird schnell evident: Indem sich die Partei radikal absetzt gegen vermeintliche Entwicklungstendenzen in Richtung einer künftigen FDP 2.0 oder CDU 2.0, betreibt sie eine „Selbstinklusionsmaßnahme“, die das Ziel verfolgt, „eine möglichst unüberwindliche Innen-Außen-Differenz aufzurichten – eine Differenz, deren reine Durchführung doppelt gefährdet ist. Von innen durch das jederzeit aktuelle Risiko des Abfalls, beginnend mit der Gleichgültigkeit gegen die Tradition (hier den Gründungs-konsens), von außen durch Repressionen und Assimilationsangebote “ seitens der noch dominierenden Altparteien. Es lässt sich hier trefflich weiter paraphrasieren: „Wo der „Zaun“ um die AfD als „Sonderexistenz“ nicht nur durch wiederholte Verheißungen, sondern auch mit den Mitteln chronischer Selbstermahnung, ja sogar ständiger Selbstdrohung errichtet wird, wandelt sich die gewöhnliche politische Phobokratie, ohne die sich die Herausbildung größerer hierarchisch strukturierter Herrschaftssysteme von antiken Tagen an nicht vorstellen lässt, zu einer neue Form vom primär nach innen wirkender Furchtsteuerung.“

Nicht umsonst begann die „Erfurter Resolution“ mit der akuten Beschwörungsformel, das Projekt der AfD insgesamt sei in Gefahr, den normativen Kern an Botschaften verstärkend, der zwar ohnehin an sich die Seinsgrundlage der AfD darstellte, aber in Zeichen von Frust und Unsicherheit ein zusätzliches Quantum an Radikalisierung bereitzustellen schien. Was diese eigentlich als Einschwörung gegen das Außen gerichtete Selbstverstärkung aber im konkreten Fall des Erfurter Papiers zum Skandal macht(e), war, dass sie sich kollateral sublim als interne Flügelabweichung gerierte und ein Bekenntnis nicht mehr zum eigentlich Selbstverständlichen, sondern zur Binnendifferenzierung mehr ex- als implizit mit einforderte. Die Initiatoren der „Erfurter Erklärung“ probten, indem sie an sich Selbstverständliches sagten, wie sie es sagten und zu welchem Zeitpunkt sie es so sagten, wie sie es gesagt haben, den virtuellen Putsch, denn das, was sie sagten, musste im Sinne der Erregungs- und Empörungsspirale so verstanden werden, wie es verstanden werden wollte und sollte.

Was wir von Leo Trotzki lernen können

„Opfer der ersten … Welle sind in der Regel die Pioniere, Urheber, Initiatoren, die in der Angriffsperiode der Revolution an der Spitze der Massen standen; dagegen treten an die erste Stelle Leute zweiten Kalibers,… Hinter den dramatischen Duellen der ‚Koryphäen‘ auf der offenen politischen Bühne gehen Verschiebungen in den Verhältnissen zwischen den Klassen vor sich, und, was nicht weniger wichtig ist, einschneidende Veränderungen in der Psyche der gestern noch revolutionären Massen“, wusste schon Leo Trotzki in den in seinem Stückchen „Die verratene Revolution“ aufgezeigten Parallelen des Thermidor in der Französischen und der Russischen Revolution. Diagnostisch bringt es, hier auf den historischen Moment der AfD bezogen, die Sloterdijksche Anleihe auf den Punkt:

„Die Aktualisierung des sozialen Zusammenhangs im Empfinden der Gesellschafter [Mitglieder] kann jedoch nur durch chronischen symbolisch erzeugten thematischen Streß erfolgen. Je größer das Kollektiv, desto stärker müssen die Streßkräfte sein, die dem Zerfall des unversammelbaren Kollektivs in ein Patchwork aus introvertierten Clans und Enklaven entgegenwirken. Solange ein Kollektiv sich über die Vorstellung, dass es sich abschafft, bis zur Weißglut erregen kann, hat es seinen Vitalitätstest bestanden. Es tut, was gesunde Kollektive am besten können, es regt sich auf, und indem es sich aufregt, beweist es, was es beweisen soll, nämlich dass es unter Streß in sein Optimum kommt“.

Ein zerstörtes AfD-Plakat, traurige Folge des medialen Dauertribunals

Ein zerstörtes AfD-Plakat, traurige Folge des medialen Dauertribunals

Erst nach 2 Jahren also, nach dem Bremer Parteitag, der die künftige Führungsstrukturbeschloss,  kommt der 6. Hauptsatz der „Theorie der Stolz-Ensembles“ zur reinen Geltung: „Machtkämpfe im Innern politischer Körper sind immer auch Vorrangkämpfe zwischen  thymotisch geladenen, umgangssprachlich: ehrgeizigen Individuen mitsamt ihren Gefolgschaften; die Kunst des Politischen schließt darum die Verfahren der Verliererabfindung ein“. Das bedeutet vor allem auch: Wirken im Politischen bedarf der Empathie, da das Politische gerade nicht der Habermas´schen Rationalität der Verständigungsverhältnisse gehorcht.

Hier schließt sich der Kreis, der zum vom öffentlichen Parteien- und Medienestablishment öffentlich inszenierten Dauertribunal führt, in dem das Stück der AfD , in so offensichtlicher Regieführung als einer ausgegrenzten Partei mit als rechtspopulistisch verunglimpfter Mitgliedschaft aufgeführt wird, dass die bürgerlichen Mitspieler und Zuschauer der Mitte sich doch bitte nicht angesprochen fühlen, bei dieser Truppe mitzumachen. Hier also findet die integrale Selbsteinschwörung ihr Pendant im Außen, denn im übergeordneten Parteiensystem wird dem emporschießenden und allein dadurch schon zu demütigenden hässlichen Neuling konsequent der Platz im Diesseits der Hauptbühne des, wie es so schön heißt, demokratischen Spektrums  verweigert und die totale Ausgrenzung geprobt: Jedes Mittel, seinen Aufstieg mit unlauteren Mitteln zu verhindern, ist Recht, jede Demütigung erlaubt. Die AfD wird auf diese Weise medial verzerrt zum Skandal. Dabei verhält es sich umgekehrt: Nicht die AfD ist der Skandal, sondern dass die Verhältnisse aufgrund der Altparteienkoalitionen so geworden sind, dass es ein veritables Bedürfnis nach ihr gibt! Da grenzt es doch, ihre genannten psychopolitischen Entstehungsbedingungen im Innen und Außen zugrunde gelegt, an ein wahres Wunder, dass es die AfD bis hierher geschafft hat. Aber auch wieder nicht, denn die AfD, soviel ist sicher, ist gekommen, um zu bleiben – aller akuter und immer wieder neu sich einstellender Erregungszustände zum Trotz, denn das, was in der AfD vibriert und nicht zur Ruhe kommt, ist ganz normaler modus vivendi einer neuen politischen Bewegung mit starken Sendern im erhöhten Frequenzbereich.

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